Wirkjournal 2026 | Wirkgeschichte

Eigene Wege in den Beruf finden

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„Und du, Clara, was willst du nach der 10. Klasse machen?“ Diese Frage hören Jugendliche immer wieder – im Unterricht, beim Familienessen oder zwischen Tür und Angel. Viele Schüler:innen wissen noch nicht, welchen beruflichen Weg sie später einschlagen möchten. Alles scheint möglich, aber gerade Mädchen haben oft weniger Möglichkeiten als ihre männlichen Mitschüler, ihre Fähigkeiten in Feldern wie Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu erproben und weiterzuentwickeln. Dabei bieten diese Bereiche angesichts des Fachkräftemangels gute Zukunftsaussichten.

Einige lernen erst durch Schulprojekte, dass aus ihren Interessen und Stärken konkrete berufliche Perspektiven entstehen können. Beim Forschen, Bauen und Experimentieren merken sie: Technische und handwerkliche Berufe könnten gut passen. Hier sind zielgruppenspezifische Angebote in der Berufsorientierung entscheidend.

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Dass diese Fragen nicht leicht zu beantworten sind und der Übergang von der Schule in eine Ausbildung oder den Beruf nicht einfach ist, zeigen verschiedene Zahlen. Laut der Bundesagentur für Arbeit blieben zum Ende des Ausbildungsjahres 2024/2025 rund 54.000 Ausbildungsstellen unbesetzt – gleichzeitig waren etwa 40.000 Bewerber:innen noch ohne Ausbildungsplatz. Hinzu kommen die ungewissen Zukunftsaussichten derjenigen, die die Schule mit keinem oder einem Ersten Schulabschluss (ESA) verlassen.

Berufsorientierung gehört zwar zum Schulalltag, Schulen stehen aber vor der Herausforderung, sehr unterschiedliche Jugendliche zu begleiten: junge Menschen mit verschiedenen Interessen, Lernvoraussetzungen, Lebensrealitäten und Unterstützungsbedarfen. Informationen über Berufe sind oft zu abstrakt oder nicht praxisnah genug. Gleichzeitig erleben viele Mädchen weiterhin stereotype Erwartungen – besonders in technischen, handwerklichen oder naturwissenschaftlichen Bereichen. Besonders für Schüler:innen mit Förderbedarf fehlen häufig passende Angebote.

Die Folge: Fähigkeiten bleiben unentdeckt und berufliche Chancen werden ungleich verteilt. So entscheiden sich junge Frauen noch immer seltener für technische oder naturwissenschaftliche Berufsfelder – obwohl ihre Leistungen häufig genauso gut sind wie die ihrer Mitschüler¹. Bereits in der Schule wählen Mädchen so zum Beispiel deutlich seltener Physik- und Informatikleistungskurse. Die Wahrscheinlichkeit ist geringer, dass sie Interessen und Stärken in diesen Bereichen entdecken, und somit sinkt auch die Chance, dass sie einen Berufsweg in diesem Bereich einschlagen. In MINT-Studiengängen an der Universität, MINT-Ausbildungsberufen oder bei der Gründung von Start-Ups sind Frauen weiterhin unterrepräsentiert.²

„Für viele Jugendliche ist Berufsorientierung mehr als die Entscheidung für einen Beruf. Sie ist eng verbunden mit der Frage: Was kann ich eigentlich? Wo liegen meine Stärken? Und darf ich mir bestimmte Wege überhaupt zutrauen?“

Vanessa Agne

DKJS-Expertin Berufsschule & Übergang Ausbildung

Berufsorientierung ist also weit mehr als die Wahl eines Berufs: Sie entscheidet mit darüber, ob junge Menschen ihre Stärken erkennen, realistische Perspektiven entwickeln und Zugang zu gesellschaftlicher Teilhabe finden.

Hier setzen die Programme Berufsorientierung inklusive! und Wir stärken Mädchen der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung an. Sie schaffen Räume, in denen junge Menschen ihre Fähigkeiten entdecken, praktische Erfahrungen sammeln und Selbstwirksamkeit erleben können.

Was wir tun: Unser Wirkansatz  

Die DKJS will mit ihren Programmen im Handlungsfeld Zukunftskompetenzen junge Menschen darin unterstützen, ihre Stärken zu erkennen, praktische Erfahrungen zu machen und damit berufliche Orientierung zu finden. Deshalb arbeiten wir gemeinsam mit Schulen und pädagogischen Fachkräften daran, Berufsorientierung praxisnah, inklusiv und stärkenorientiert weiterzuentwickeln und auch die Jugendlichen aktiv einzubinden.

So entwickeln beispielsweise im Programm Berufsorientierung inklusive! nach einer erfolgreichen Modellphase weitere fünf Förderschulen in Rheinland-Pfalz ihre Berufsorientierung gemeinsam mit den Schüler:innen weiter. Praktische Erfahrungen stehen dabei im Mittelpunkt: Betriebsbesuche, Werkstattprojekte oder Praktika ermöglichen Jugendlichen konkrete Einblicke in die Arbeitswelt. Die DKJS unterstützt die Schulen dabei, sensibler für unterschiedliche Lebenslagen zu werden und enger mit außerschulischen Akteur:innen zusammenzuarbeiten. Dadurch möchte sie Übergänge gerechter gestalten und mehr jungen Menschen echte Zukunftschancen eröffnen.

Programmmodule und Themenbereiche von Wir stärken Mädchen

Auch das Programm Wir stärken Mädchen – future ready setzt auf praktische Erfahrungen – mit einem besonderen Fokus auf gendersensible Berufsorientierung. Mädchen zwischen 10 und 18 Jahren probieren sich in Projekten aus den Bereichen Handwerk, MINT und Digitalisierung aus. Sie forschen, bauen, programmieren und entwickeln eigene Ideen weiter – unabhängig von klassischen Rollenbildern. Lehrkräfte werden zusätzlich dabei unterstützt, gendersensible Berufsorientierung dauerhaft im Schulalltag zu verankern. Durch Austauschformate und Fortbildungen erhalten sie Materialien und Begleitung für die Umsetzung der Projekte vor Ort. Mit Fördergeldern von 2500 € pro Schule können sie Anschaffungen für die geplanten Aktivitäten tätigen.

In beiden Programmen werden außerschulische Partner:innen wie Betriebe, Vereine oder Beratungseinrichtungen systematisch eingebunden, um praktische Einblicke in die Arbeitswelt zu ermöglichen.

Zusätzlich spielen Vorbilder eine große Rolle – bei Unternehmensbesuchen oder beispielsweise den „Mädchentreffs“, einem digitalen Austauschformat für die teilnehmenden Schülerinnen der Wir stärken Mädchen-Schulen, treffen die Jugendlichen auf „Role Models“, die von ihren Erfahrungen berichten und ihre Fragen zu konkreten Berufsfeldern beantworten.

„Besonders Vorbilder und der Kontakt mit anderen Schülerinnen bei der Wir stärken Mädchen Abschlussveranstaltung ist unglaublich wertvoll für die Jugendlichen.“

Astrid Höhle

Lehrkraft Elisabethschule Marburg

Um diese Erfahrungen dauerhaft zu sichern, haben einige Schulen das Programm bereits fest im Stundenplan verankert und das Angebot damit nachhaltig im Schulalltag etabliert. Bis heute haben mehr als 1.500 Mädchen an über 150 Wir stärken Mädchen-Schulen teilgenommen.

Einen Fokus legt Wir stärken Mädchen auf die Begleitung von Förderschulen, denn für die Mädchen dort gibt es besonders viele Hürden, wie zum Beispiel Diskriminierungserfahrungen beim Übergang ins Berufsleben. So bekommen die Schülerinnen dieser Schulform selten bis nie einen Praktikumsplatz, wenn der Name ihrer Schule auf der Bewerbung zu lesen ist.

Laut dem Abschlussbericht der Hans-Christian-Andersen-Schule Südlohn wurde deutlich: Durch die Teilnahme an den handwerklichen Projekten von Wir stärken Mädchen und die dabei erlangten Kompetenzen in Kombination mit der Unterstützung durch Studien- und Berufskoordinatorinnen vor Ort erhöht sich die Chance der Schüler:innen auf einen Praktikumsplatz im Handwerk – und dadurch auch auf einen Ausbildungsplatz.

Wir stärken Mädchen – 10 Tipps

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Bei der Zukunftswerkstatt NRW im Programm Wir stärken Mädchen kamen neun Mädchen im Alter von 14 bis 23 Jahren zusammen, um über ihre Erfahrungen und Wünsche zu sprechen und gemeinsam Ideen zu entwickeln, wie die Berufsorientierung für Mädchen in Nordrhein-Westfalen weiter verbessert werden kann. Aus den Erfahrungen und Vorschlägen der Mädchen haben wir ein Poster entwickelt, auf dem 10 Herausforderungen und 10 Tipps für den Weg der Berufsorientierung zusammengefasst sind.
Abschlussveranstaltung Wir stärken Mädchen

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Abschlussveranstaltung der Wir stärken Mädchen – Projekte 2025

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Von Vorbildern inspirieren lassen
Mädchen programmieren Legoroboter

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Wir stärken Mädchen – Alstom Besuch

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Unternehmensbesuch bei Alstom
Grundschülerinnen stellen ihre WsM-Projekt vor

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Das war unser Projekt! Präsentation beim Abschlusstreffen von Wir stärken Mädchen 2025

Den Schulalltag nachhaltig verändern

Wie sich der Schulalltag durch gendersensible Berufsorientierung entwickeln kann und wie Jugendliche in den Programmen profitieren, zeigt auch die am Programm teilnehmende Elisabethschule in Marburg. Hier konnten die Schülerinnen zum Thema „Vertical Gardening“ forschen. Sie gingen Fragen nach wie: Kann Begrünung Klassenräume kühlen? Oder beeinflussen Pflanzen die Lautstärke im Raum?

Das Besondere: Während der Projektphase arbeiten die Schülerinnen eigenständig in kleinen Teams und außerhalb des regulären Unterrichts. Dafür stehen eigens eingerichtete Forschungslabore zur Verfügung.

Die jungen Frauen beschäftigen sich in geschützter Atmosphäre mit Themen, die sie interessieren. Sie übernehmen Verantwortung für die eigenen Projekte, helfen sich gegenseitig und trauen sich, Fragen zu stellen, die sie im Unterricht vielleicht nicht stellen würden. Schritt für Schritt entdecken sie, wo ihre Stärken liegen ­­- unabhängig von Genderklischees.

Wir stärken Mädchen Gruppenbild

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Bei der Abschlussveranstaltung von Wir stärken Mädchen in Düsseldorf präsentierten die Teilnehmerinnen und ihre Lehrkraft ihre Ergebnisse den anderen Mädchengruppen. Mehr über die Mädchen in Marburg im Reel auf Instagram.

Astrid Höhle begleitet das Projekt seit mehreren Jahren. Sie erlebt, wie sehr die Schülerinnen von den Freiräumen profitieren: „Unser Ziel ist es, Mädchen frühzeitig ein inspirierendes Angebot im MINT-Bereich zu machen. Durch eigenständiges Arbeiten und Kooperationen mit Universitäten oder Unternehmen stärken sie ihr Selbstbewusstsein und entwickeln Vertrauen in ihre Fähigkeiten.“ Das Projekt solle langfristig die Entscheidung für MINT-Leistungskurse, ein Studium oder eine berufliche Laufbahn im MINT-Bereich fördern, so Höhle.

Die Schülerinnen fühlen sich gesehen: „Jetzt werden unsere Ergebnisse sogar für den Ausbau der Schule bedacht!“, erzählt eine von ihnen bei der Abschlussveranstaltung von Wir stärken Mädchen in Düsseldorf. Sie erleben, dass ihre Ideen ernst genommen werden und konkrete Wirkung entfalten.

Mit Unterstützung des Programms Wir stärken Mädchen kann sie an der Elisabethschule in Marburg genau diese Räume schaffen. Das Programm ermöglichte bereits vier Projektdurchläufe an der Schule in Hessen mit Fördermitteln in Höhe von je 2.500 €.

„Ich glaube, dass Frauen im naturwissenschaftlichen Bereich zwar sehr interessiert sind, aber oft ihre Fähigkeiten gar nicht entdecken.“

Astrid Höhle

Lehrerin an der Elisabethschule in Marburg

Selbstwirksamkeit verändert Zukunftsperspektiven

Wie viel Freude praxisnahe Zugänge machen können, zeigt auch das Projekt Erlebnis Handwerk – only for girls der Sankt-Walburga-Hauptschule in Meschede. Die Schülerinnen arbeiten in dem Projekt mit Holz und fertigten schließlich gemeinsam sogenannte Schwedenstühle an. Dabei lernten sie nicht nur sägen, schleifen, bohren und schrauben, sondern auch der Teamgeist innerhalb der Gruppe wurde spürbar.

Ganz nebenbei wächst der Mut, sich auch an bislang ungewohnte Aufgaben heranzuwagen. Für manche Teilnehmerinnen verändert sich dadurch der Blick auf die eigene Zukunft. Im Laufe des Projekts wuchs die Nachfrage nach den Produkten, Lehrkräfte und Eltern gaben Bestellungen auf – und so kam einer Teilnehmerin die Idee: „Ey, kommt, wir machen eine Firma auf und bauen Stühle.“

Neben dem Möbelbau lernen die Schülerinnen auch alltagsnahe technische Fähigkeiten kennen, etwa im Austausch mit einer Kfz-Werkstatt, wo sie grundlegende Kenntnisse rund ums Auto erwerben – Dinge, die im Alltag praktisch sind und oft nicht im Unterricht vorkommen. Wie die Schülerinnen auf die Idee kamen, Stühle zu bauen, können Sie auf der Webseite des Programms lesen.

 

Berufsorientierung für Jugendliche mit Förderbedarf

Auch im Projekt Berufsorientierung inklusive! zeigt sich, wie wichtig praktische Erfahrungen sind, gerade für Jugendliche mit Förder- und Unterstützungsbedarf. An der Porta Nigra Schule in Trier entstand gemeinsam mit den Stadtwerken Trier eine Kooperation, die Schülern Einblicke in verschiedene Arbeitsbereiche ermöglicht – von Haustechnik bis Grünflächenpflege.

Die Jugendlichen konnten direkt mitarbeiten, Fragen stellen und eigene Fähigkeiten erproben. Lehrkräfte berichten, dass viele Schüler:innen dadurch selbstbewusster werden und sich beruflich mehr zutrauen.

Das Programm hat etwas in den Schulen in Gang gesetzt: Einige Angebote wurden verstetigt, sodass weitere Klassen und neue Jahrgänge profitieren. Zusammenarbeit wurde gestärkt: Lehrkräfte tauschen sich aus, entwickeln gemeinsam neue Ideen und bauen Netzwerke mit regionalen Partnern auf. Dadurch entstehen langfristige Strukturen, die Berufsorientierung stärker im Schulalltag verankern.

„Dafür lohnt es sich!“

Das haben die Lehrkräfte zu Berufsorientierung inklusive! und zur Weiterentwicklung der Berufsorientierung rückgemeldet:

  • „Austausch in der Steuerungsgruppe – viele gute Ideen, motivierte Kollegen – alles für die Kids“
  • „Glückliches und stolzes Gesicht der Schülerin nach ihrem Praktikumstag“
  • „Selbstwirksamkeit der Kids“
  • „Zukunftsperspektive für Schülerinnen und Schüler schaffen“
  • „Wie die Schüler:innen im Verlauf der Workshops im Theaterprojekt ‚gewachsen‘ sind“
  • „Frühzeitiger Einstieg BO/Perspektiven für jeden Schüler/in“
  • „Inklusive Arbeitswelt in der jede:r seinen Platz findet, sich einbringen kann & seinen Weg finden“
  • „Weil wir uns vernetzen, über den Tellerrand schauen und gemeinsam an neuen Ideen arbeiten²

Das braucht es jetzt!

Damit inklusive und gendersensible Berufsorientierung langfristig Wirkung entfalten kann, braucht es eine frühzeitige und verbindliche Verankerung solcher Ansätze im Schulalltag. Praxisnahe Erfahrungen müssen für alle Schüler:innen zugänglich sein, insbesondere für junge Menschen mit Förderbedarf. Lehrkräfte benötigen Zeit, Qualifizierung und verlässliche Unterstützung, um individuelle Wege begleiten zu können. Auf politischer Ebene braucht es klare Rahmenbedingungen, die inklusive Übergänge in Ausbildung und Beruf fördern und stärkenorientierte Berufsorientierung systematisch ermöglichen.

Die DKJS bringt diese Erfahrungen kontinuierlich in fachliche Debatten und bildungspolitische Prozesse ein – mit dem Ziel, Übergänge in Ausbildung und Beruf gerechter zu gestalten und mehr jungen Menschen echte Zukunftschancen zu eröffnen.

Johanna St. auf Veranstaltung

Johanna Stiller

DKJS Geschäftsstelle
Tempelhofer Ufer 11
10963 Berlin


johanna.stiller@dkjs.de

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Vanessa Agné

Berufsschule & Übergang Ausbildung

DKJS Rheinland-Pfalz
Bahnhofsplatz 8
54292 Trier

+49 (0)651 14 53 36 86 0
vanessa.agne@dkjs.de

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