Wirkjournal 2026 | Wirkgeschichte
Wo Mitmachen Heimat verändert und erhält
Als Heiko Wersig an diesem Morgen die Tür zum Rathaus von Bannewitz aufschließt, ist es kurz nach sieben. Der Flur riecht nach Papier und Kaffee, irgendwo läuft bereits ein Drucker. Auf seinem Schreibtisch stapeln sich Sitzungsunterlagen, Haushaltszahlen, Anträge. Draußen fahren Autos Richtung Dresden, drinnen beginnt ein gewöhnlicher Verwaltungstag.
Doch zwischen all den Akten liegt ein Brief, der dem Bürgermeister besonders wichtig ist. Wersig richtet ihn nicht an Behörden, Unternehmen oder Vereine, sondern an Jugendliche. Persönlich adressiert. Keine allgemeine Bekanntmachung, kein Aushang im Schaukasten. Sondern eine direkte Einladung des Bürgermeisters: Kommt vorbei. Mischt euch ein. Sagt uns, was euch in eurem Ort fehlt.
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Bis dahin war es ein langer Weg. Heiko Wersig kennt diesen Ort seit vielen Jahren. Schon lange vor seinem Amt als Bürgermeister war er in der Verwaltung tätig, eng eingebunden in die kommunalen Prozesse und nah an seinem Vorgänger. Er weiß, wie schwer Veränderungen im Alltag einer Kommune manchmal umzusetzen sind. Gerade deshalb ist seine Haltung entscheidend. Es geht ihm um die grundlegende Frage: Wie wird aus einer Gemeinde ein Ort, an dem sich junge Menschen wirklich zu Hause fühlen?
Seit Jahren begleitet die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) Kommunen dabei, Kinder und Jugendliche stärker an Entscheidungen zu beteiligen, z. B. mit dem sächsischen Programm Jugend bewegt Kommune. Im Handlungsfeld „Offene Gesellschaft leben“ geht es darum, demokratische Teilhabe erfahrbar zu machen — besonders dort, wo junge Menschen oft wenig politische Aufmerksamkeit erfahren: in kleinen Städten, ländlichen Regionen oder strukturell benachteiligten Räumen.
Dass viele Jugendliche sich nicht gehört fühlen, zeigt auch die Studie unseres Jugendnetzwerks VoiceUp!¹ Ihre Ergebnisse bestätigen etwas, das unsere Prozessbegleiter:innen in Kommunen seit Langem beobachten: Junge Menschen wollen Verantwortung übernehmen – wenn man sie lässt.
Wirkung, die Kreise zieht
In Bannewitz zeigt sich, wie daraus konkrete Veränderungen entstehen können. Bürgermeister Wersigs Bemühungen zahlen sich aus. Denn sein Brief kommt bei den Jugendlichen gut an. Für viele ist es mehr als ein Behördenbrief. Es ist das seltene Gefühl, gemeint zu sein mit der Botschaft: Eure Stimme zählt.
Es folgen erste Gespräche und dann konkrete Projekte: Jugendliche bringen Ideen für neue Treffpunkte ein, diskutieren über Freizeitangebote oder überlegen gemeinsam mit der Verwaltung, wie Orte entstehen können, an denen sie sich wirklich willkommen fühlen. Projekte wie die Eröffnung eines Bikeparks machen sichtbar, was passiert, wenn Beteiligung mehr wird als nur eine symbolische Einladung.
Doch die Wirkung reicht weiter als einzelne Projekte. Aus Gesprächen zwischen Jugendlichen und Verwaltung entstehen neue Beziehungen. Aus einzelnen Ideen wird ein generationsübergreifender Austausch. Wissen, Erfahrung und Perspektiven verschiedener Altersgruppen fließen zusammen.
Gerade in ländlichen Räumen ist das keine Selbstverständlichkeit. „Auch in kleinen Dörfern kennt man sich oft nicht wirklich“, sagt Anikó Popella, DKJS-Programmleiterin. Beteiligung schaffe genau solche wichtigen Begegnungen. Menschen, die bisher nebeneinander lebten, kommen miteinander ins Gespräch. Jugendliche sprechen mit Senior:innen, die Verwaltung mit Bürger:innen, Bürgermeister:innen mit jungen Menschen, die sich zuvor kaum wahrgenommen fühlten.
Was in Bannewitz gelingt, zeigt sich auch in anderen Orten der Region. Manche Kommunen haben gerade erst begonnen. Mit anderen gibt es schon eine mehrjährige Zusammenarbeit etwa in zwei Gemeinden in der Oberlausitz. In Mittelherwigsdorf engagierten sich die Menschen der Kommune für die Rettung der „Alten Lotte“, eines besonderen Fachwerkhauses mitten im Ort, dem der Abriss drohte. Auf der Baustelle packten alle mit an. „Man sieht, dass man was schafft. Und das ist eine total gute Geschichte.“, sagt Leon, ein Jugendlicher aus dem Ort. In Neukirch hat sich aus einem ersten Filmprojekt mit Jugend bewegt Kommune ein Filmclub entwickelt, in dem nicht nur Filme geschaut werden. Betreut von der Mobilen Jugendarbeit Valtenbergwichtel e.V., lernen die Teilnehmenden hier, gemeinsam Drehbücher zu schreiben, zu schauspielern und Filme zu produzieren. „Man war eigentlich nie richtig allein“, sagt Yasmin, eine der Teilnehmerinnen. „Man hat immer jemanden zum Reden, wenn irgendwas ist.“ Im März 2025 feierte der rund 30-minütige Kurzfilm „Ein Funken Mut“ im Kino in Bautzen Premiere. Der Filmclub Oberlausitz gewann den zweiten Platz in der Kategorie Kinderkultur beim Deutschen Kinder- und Jugendpreis sowie den Publikumspreis im Europa-Park.
In Grünhainichen hat sich durch die offene Haltung des jungen Bürgermeisters Robert Arnold, nicht nur die Stimmung in der Kommune geändert. Mittlerweile gibt es in drei Ortteilen Jugendclubs. Alle drei organisieren gemeinsam mit der Nachbargemeinde Börnichen Open-Air-Festival auf dem örtlichen Sportplatz. Rund 800 Besucherinnen und Besucher besuchen das Event – eine Größenordnung, die es zuvor in der Kommune nicht gab. Die Erfolgsgeschichten aus den Kommunen sind in einem Heft festgehalten.
Die eigene Lebenswelt aktiv verbessern
Wie wichtig der Einbezug von Jugendlichen in politische und gesellschaftliche Entwicklungen vor Ort ist, zeigt der Strukturwandel in der Lausitz: Der für 2038 geplante Kohleausstieg verändert die Lebenswelt der Menschen im Lausitzer Revier auf vielen Ebenen. Als Erwachsene von morgen sind es vor allem Kinder und Jugendliche, die von den Veränderungen betroffen sind. Um ihnen in der Region ein gutes Leben zu ermöglichen, braucht es Perspektiven.
Die #MISSION2038 gibt jungen Menschen die Möglichkeit, ihre Lebenswelt im Zuge des Strukturwandels aktiv mitzugestalten und zeigt ihnen die damit verbundenen Chancen auf. Gleichzeitig werden erwachsene Akteurinnen und Akteure für die Bedürfnisse und die Lebenswelt junger Menschen sensibilisiert, um geeignete Strukturen für Jugendbeteiligung zu schaffen.
„Ich will Gründe schaffen, hier zu bleiben!“
Jugendlicher im Programm #Mission2038
Ein Beispiel für eine gelungene Umsetzung im Rahmen des Programms #MISSION2038 ist der Neiße-Bolzer, ein von Jugendlichen im Rothenburger Ortsteil Lodenau (Sachsen) initiierter und geplanter Sportplatz. Der Mehrzweckplatz dient als Treffpunkt für Fußball, Basketball und Hockey. Als Staatsminister Thomas Schmidt aus dem Sächsischen Staatsministerium für Regionalentwicklung zum gemeinsamen Spatenstich nach Lodenau kam, wurde klar: Jugendbeteiligung verändert nicht nur einzelne Orte, sondern prägt auch regionale Entwicklungen. Im Podcast „Revierleuchten“ teilen junge Menschen ihre Visionen für die Strukturwandelregionen und erzählen, wie sie sich ganz konkret vor Ort engagieren.
Die #MISSION2038 gibt jungen Menschen in der Lausitz und im Mitteldeutschen Revier die Möglichkeit, ihre Lebenswelt zu verbessern. Sie möchte ihnen zeigen, dass der Strukturwandel auch Chancen für sie birgt. Gleichzeitig werden erwachsene Akteur:innen für die Bedürfnisse und die Lebenswelt junger Menschen sensibilisiert, um geeignete Strukturen für ihre Beteiligung zu schaffen. Ein Podcast berichtet regelmäßig über die Menschen im Revier.
Die Nachfrage nach Begleitung ist inzwischen so groß, dass nicht alle Kommunen aufgenommen werden können. Menschen wie DKJS-Mitarbeiter Jörg Bartusch sind wichtig für den langfristigen Erfolg der Beteiligung. Denn junge Menschen brauchen nicht nur Geld für ihre Projekte, sondern auch Begleitung, damit ihre Projekte gelingen und gescheiterte Beteiligung nicht noch mehr Frust auslöst. Was passiert, wenn eine gute Idee plötzlich an einer Baugenehmigung scheitert? Wenn Zuständigkeiten unklar sind? Wenn ein Projekt langsamer vorankommt als erhofft? Die Sichtbarkeit und der Erfolg der Projekte sind für die Jugendlichen wichtige Motivatoren. Hinzu kommt die Wertschätzung. Die Jugendlichen erleben, dass ihre Arbeit gesehen wird. Andere junge Menschen merken: „Ich bin nicht allein, und gemeinsam können wir etwas bewirken.“ Und nicht zuletzt erhalten die Kommunen konkrete Beispiele dafür, was Beteiligung bewirken kann.
„Wenn mir Amtskollegen sagen, wir haben Lust auf Kinder- und Jugendbeteiligung, die Gemeinde will das machen, bin ich der festen Überzeugung: Es braucht einfach das Handwerkszeug von Menschen, die das tagtäglich machen – Jugendliche ansprechen, vermitteln.“
Robert Arnold
Bürgermeister von Grünhainichen

© DKJS
Dabei ist es ist selten der schnelle Erfolg, der die größte Wirkung entfaltet. Es sind die Prozesse dazwischen, die zu Erfolgsrezepten werden. Die Gespräche. Das gemeinsame Aushandeln. Das Übersetzen zwischen Idee und Verwaltung wie es die Bürgermeister im Gespräch berichten.
Warum Räume für Austausch entscheidend sind
Viele der DKJS-Programme setzen angesichts der demografischen und politischen Entwicklungen einen Schwerpunkt auf Ostdeutschland. So besuchte Schirmherrin Elke Büdenbender im Herbst 2025 einige DKJS-Programme in Sachsen-Anhalt und Sachsen. Ein Jugendlicher des Projekts „Limbach für alle“ sagte klar: „Wenn ich den Verein nicht gefunden hätte, wäre ich wahrscheinlich schon längst weggezogen.“
Auch in Chemnitz setzen sich junge Menschen dafür ein, ihre Stadt und ihre Orte attraktiver für die Jugend zu gestalten. „Wir müssen einfach als Gesellschaft wieder näher zusammenkommen“, betont ein Schüler im Gespräch mit Elke Büdenbender. In der Hartmannfabrik präsentieren er und vier weitere Jugendliche die zentralen Anliegen junger Menschen in Sachsen – Ergebnisse der OstVISION, einer von Jugendlichen organisierten Konferenz im Rahmen der Kulturhauptstadt Chemnitz 2025. „Jetzt wollen wir wissen: Werden unsere Stimmen wirklich gehört?“, lautet die Frage des Jugendteams zum Tagesende.
Nach den Austauschformaten mit jungen Menschen und Pädagog:innen z.B. in Chemnitz und Limbach-Oberfrohna war Elke Büdenbender, DKJS-Schirmherrin und Frau des Bundespräsidenten, sichtlich beeindruckt: „Der Tag heute hat mir erneut gezeigt, wie bedeutend es ist, jungen Menschen zuzuhören und ihre Stimmen ernst zu nehmen. Es ist wichtig, sie darin zu bestärken, sich für Demokratie und eine offene Gesellschaft einzusetzen. Sie sind die Zukunft – und wir tragen Verantwortung, ihnen Perspektiven und Vertrauen zu geben.“
Hier wird die Arbeit der DKJS besonders spürbar. Sie begleitet passgenau, nicht nach dem Gießkannenprinzip. Sie hört hin, schaut genau, wo eine Schule, ein Sportverein oder eine Kommune steht, und bringt die richtigen Menschen an einen Tisch. Oft verschwimmen dabei die Grenzen zwischen Programmauftrag und intrinsischer Motivation. Viele im Team verstehen ihre Arbeit als gesellschaftlichen Auftrag. Es geht darum, Demokratie vor Ort zu stärken. Es geht darum, Zusammenhalt zu fördern. Und vor allem darum, Menschen die Erfahrung zu ermöglichen, gemeinsam etwas verändern zu können. Diese Selbstwirksamkeit brauchen nicht nur Jugendliche. Auch Bürgermeister:innen und Entscheider:innen müssen erleben, dass Beteiligung trägt. Dass junge Menschen gute Ideen haben. Dass sich Kultur verändert, wenn Verantwortung generationsübergreifend geteilt wird. Der vielleicht wichtigste Moment ist dabei oft ein ganz einfacher: der Moment, in dem Menschen gemeinsam etwas tun. Dann wird aus Verwaltung Gemeinschaft. Aus einem Brief ein Anfang. Und aus einer Kommune ein Zuhause. Die Prozessbegleitung der DKJS verändert nicht nur Projekte. Sie verändert Beziehungen. Und damit ganze Regionen.
Das braucht es jetzt!
Wir erleben derzeit einen politischen Diskurs, in dem Kinder- und Jugendbeteiligung vielerorts noch immer als freiwillige Zusatzaufgabe oder als Kür behandelt wird. Für eine lebendige Demokratie ist sie jedoch Pflicht. Demokratiebildung entsteht nicht abstrakt, sondern dort, wo junge Menschen erleben, dass ihre Perspektiven ernst genommen werden, sie Verantwortung übernehmen können und ihr Engagement tatsächlich etwas verändert.
„Jugendbeteiligung ist kein optionales ‚Nice to have‘, sondern ein Recht junger Menschen und eine demokratische Notwendigkeit.“
Peggy Eckert
Standortleitung der DKJS in Sachsen und Expertin für Demokratiebildung und Jugendbeteiligung
Unsere Praxiserfahrungen zeigen: Wirksame Demokratiebildung braucht praktische, alltagsnahe und niedrigschwellige Beteiligungsformate – vor Ort im Stadtteil, im Dorf, in Jugendräumen oder in mobilen Angeboten. Besonders wirksam wird Beteiligung dann, wenn junge Menschen eigene Prioritäten setzen, Projekte konkret mitgestalten und sichtbare Verantwortung übernehmen können. Dafür müssen Erwachsene bereit sein, Strukturen zu öffnen, Ressourcen bereitzustellen und Ergebnisse weiterzutragen.
Nachhaltige Beteiligung entsteht jedoch nicht kurzfristig. Sie braucht Zeit, Vertrauen und kontinuierliche Begleitung. Viele Prozesse entwickeln ihre Wirkung erst über längere Zeiträume hinweg. Rückmeldungen aus der Praxis machen deutlich, dass frühere Förderzusagen, längere Vorbereitungsphasen, verlässliche Finanzierungen und eine langfristige Verstetigung erfolgreicher Projekte entscheidende Voraussetzungen sind. Gerade finanzschwache Kommunen brauchen dabei geringere Eigenanteile und unbürokratische Verfahren, damit Jugendbeteiligung nicht vom kommunalen Haushalt abhängt und junge Menschen nicht ein weiteres Mal benachteiligt werden.
Als Deutsche Kinder- und Jugendstiftung fordern wir deshalb eine gute und verlässliche Ausfinanzierung demokratischer Bildungs- und Beteiligungsarbeit. Demokratiebildung darf nicht projektförmig gedacht werden, sondern braucht dauerhafte Strukturen, professionelle Begleitung und politische Verlässlichkeit.
Zugleich braucht es mehr gesellschaftliche und politische Wertschätzung für die Fachpraxis der Kinder- und Jugendbeteiligung. Diejenigen, die Beteiligungsprozesse gestalten, „machen nicht einfach nur Workshops“, sondern bringen unterschiedliche Menschen an einen Tisch, hören genau hin, bauen Vertrauen auf und schaffen Räume, in denen Veränderung möglich wird. Gute Beteiligung bedeutet, junge Menschen ernst zu nehmen, ihre Lebensrealitäten zu verstehen und auch diejenigen zu erreichen, die sonst selten gehört werden.
Demokratiebildung gelingt dort, wo junge Menschen konkrete Selbstwirksamkeit erfahren – und wo Politik und Gesellschaft bereit sind, diese Erfahrungen langfristig zu ermöglichen. Es ist eine Haltungsfrage: Welchen Stellenwert haben junge Menschen in unserem Land?

Peggy Eckert
Demokratiebildung
DKJS Sachsen
Bautzner Str. 22 HH
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+49 (0)351 32 01 56 66
peggy.eckert@dkjs.de


















