Wirkjournal 2026 | Wirkgeschichte

Wohin, wenn es nicht rund läuft?

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Zuhause. Zuhause ist für mich nicht nur die Wohnung, in der ich aufwachse. Zuhause ist auch mein Kiez, meine Stadt, meine Gemeinde. Manchmal halte ich es zu Hause einfach nicht aus. Ich brauche Abstand – von meiner Mutter, von meinem Bruder. Früher sind wir dann ins Jugendzentrum gegangen, haben gezockt. Jetzt sind dort vor allem die Jüngeren, und am Wochenende ist geschlossen.

Jugendlicher dreht Basketball auf einem Outdoor-Platz

Zwischen Engpässen und neuen Wegen

Das exemplarische Beispiel einer fiktiven Jugendlichen spiegelt die Lebensrealität vieler junger Menschen in Deutschland. Die meisten wünschen sich einen sicheren und geborgenen Raum. Doch oft gibt es diese Orte für Jugendliche nicht. Und das ist fatal.

Denn Bildung entsteht nicht nur im Unterricht, sondern im Zusammenspiel von Schule, Jugendarbeit und Alltag. Orte wie das Zuhause und die Schule können als positiv und fördernd erlebt werden, aber auch Orte von Konflikten, Misserfolg und Ausgrenzung werden. Hier gewinnen sogenannte „Dritte Orte“ an Bedeutung: neutrale, öffentliche oder halböffentliche Räume im sozialen Umfeld, im Viertel oder am Wohnort. Orte, an denen Jugendliche willkommen sind und die sie selbstbestimmt nutzen können, wie offene Jugendtreffs, Stadtteilbibliotheken, Schwimmbäder oder Beratungsstellen.

Wenn diese Angebote wegfallen oder nie entstehen, gibt es keinen Ersatz und das hat Auswirkungen auf die Entwicklung von vielen Jugendlichen. Kommunale Bildungs- und Unterstützungsstrukturen sind deshalb keine freiwillige Zusatzleistung, sondern für viele Kinder und Jugendliche wichtige Räume, in denen sie mit ihren Stärken wie ihren Sorgen gesehen und unterstützt werden.

Laut UN-Kinderrechtskonvention haben Kinder ein Recht auf Schutz, Teilhabe und Entwicklung. Damit Kinderrechte wirksam umgesetzt werden können, müssen die Leistungen und Zuständigkeiten von Bund, Ländern und Kommunen in einer kindorientierten Infrastruktur eng aufeinander abgestimmt sein. Doch genau dieses Zusammenspiel gelingt oft nicht ausreichend. Erkennbar an ungleichen Lebensbedingungen von Kindern, die sich besonders auf kommunaler Ebene manifestieren. Diese Unterschiede zeigen: Die Verwirklichung von Kinderrechten hängt nicht allein von individuellen Voraussetzungen ab, sondern wird auch von strukturellen Rahmenbedingungen und institutionellen Lücken beeinflusst.

Warum Strukturarbeit der richtige Hebel ist

Viele Kommunalverwaltungen stehen derzeit unter erheblichem Druck: Knappe Haushalte, Fachkräftemangel, steigende gesetzliche Anforderungen und wachsende gesellschaftliche Spannungen erschweren es, Angebote verlässlich vorzuhalten und weiterzuentwickeln. Häufig müssen Prioritäten neu gesetzt werden – nicht selten zulasten von Prävention, Infrastruktur oder offenen Räumen für Kinder und Jugendliche.

Mit Blick auf die laufende Reform der Kinder- und Jugendhilfe, die den Jugendämtern etwa durch die Zusammenführung der Eingliederungshilfe unter dem Dach des SGB VIII ab 2028 deutlich erweiterte Zuständigkeiten überträgt, gewinnt eine zentrale Frage weiter an Dringlichkeit: Sind Kommunen strukturell und ressourcenseitig ausreichend darauf vorbereitet, diese erweiterten Aufgaben zu bewältigen?

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Um zu verhindern, dass sich bestehende Ungleichheiten weiter verschärfen, braucht es mehr als einzelne Projekte. Entscheidend sind auch Veränderungen in den Strukturen. Denn während Projekte einzelne Menschen erreichen, verbessern strukturelle Änderungen die Bedingungen für viele. Wenn Kommunen lernen, datenbasiert zu planen, ressortübergreifend zusammenzuarbeiten und Beteiligung fest zu verankern, entstehen bessere Voraussetzungen für Bildung, Teilhabe und gutes Aufwachsen.

Solche Veränderungen wirken oft erst mit zeitlichem Abstand. Sind sie jedoch einmal eingeübt und etabliert, können Kommunen flexibler auf neue Bedarfe reagieren. So verbessern sie langfristig und nachhaltig das Leben vieler Kinder und Jugendlicher.

Was wir einbringen

Deshalb begleiten wir im Handlungsfeld „Kommune stärken“ Städte, Gemeinden und Landkreise dabei, bessere Rahmenbedingungen für junge Menschen zu schaffen.

Kommunen brauchen Partner, die ihre Herausforderungen kennen und sie verlässlich begleiten – auch über einzelne Projektlaufzeiten hinaus. Seit mehr als 15 Jahren unterstützen wir sie dabei, Bildungslandschaften und kommunale Strukturen weiterzuentwickeln: durch Beratung vor Ort, überregionalen Fachaustausch und den Aufbau tragfähiger Netzwerke. Dabei geht es nicht um die Umsetzung vorgefertigter Lösungen, sondern um gemeinsames Lernen und nachhaltige Entwicklung.

Unser Ansatz: Das System befähigen und Sichtbarkeit schaffen

In unseren Programmen im Handlungsfeld „Kommune stärken“ verfolgen wir hierfür drei zentrale Wirkhebel: den Aufbau von Netzwerken, das Sichtbarmachen wirksamer Ansätze aus der kommunalen Praxis und die Stärkung individueller Kompetenzen.

In der Programmarbeit bringen wir Menschen zusammen und schaffen Räume, in denen sie voneinander lernen und neue Ideen entstehen können. Durch diesen Austausch wächst das gemeinsame Wissen aus der Praxis – und es entstehen tragfähige Netzwerke, in denen (neue) Herausforderungen leichter gemeinsam bearbeitet werden können.

Initiative Kommune 360°

In der Initiative Kommune 360° knüpfen wir ein bundesweites Netzwerk von Akteur:innen aus kommunaler Verwaltung, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Unser Ziel: Dass Kommunen die Potenziale integrierter Planung und Steuerung besser nutzen können, um Kindern ein gutes Aufwachsen zu ermöglichen. Dafür bietet Kommune 360° Qualifizierungen, Beratung und Austauschformate für kommunale Fach- und Führungskräfte mit Planungs- und Steuerungsverantwortung in der Jugendhilfe.

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Darüber hinaus tragen die Programme des Handlungsfeldes dazu bei, Erfahrungswissen und konkrete Beispiele aus der kommunalen Praxis stärker sichtbar zu machen. So erfahren andere Kommunen und eine breitere Öffentlichkeit von wirksamen Lösungsansätzen für aktuelle Herausforderungen. Das inspiriert andere Kommunen und erzeugt zugleich eine größere Aufmerksamkeit für wirksames kommunales Handeln zugunsten eines guten Aufwachsens junger Menschen.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Stärkung von Kompetenzen vor Ort: Mitarbeitende von Kommunalverwaltungen haben die Möglichkeit, durch die Angebote der Programme ihr Fach- und Methodenwissen zu stärken und so ihre Handlungsmöglichkeiten zu erweitern.

Dafür hat Kommune 360° u. a. einen Change Guide für mutige Kommunen entwickelt, in dem Ansätze und Methoden zur Gestaltung von kommunalen Veränderungsprozessen hin zu integrierter Planung vorgestellt werden. Ein weiteres Angebot der Initiative ist das Planspiel zur kooperativen Jugendhilfeplanung.

 

„Was neu war, dass man sich in eine andere Rolle oder Funktion eindenken muss, dass fand ich sehr bemerkenswert, auch die Ergebnisse.“

Teilnehmer von Kommune 360° zum Planspiel

Im Planspiel geht es nicht nur um Inhalte, sondern vor allem um einen Perspektivwechsel: Die Teilnehmenden haben die Gelegenheit, die Logiken, Bedarfe und Herausforderungen von Vertreter:innen eines Jugendhilfeausschusses kennenzulernen und diese besser zu verstehen, da sie deren Positionen und Interessen konstruktiv in eine Aushandlungssituation einbringen müssen. Der Mehrwert: In einem geschützten Rahmen werden neue Formen der Zusammenarbeit erprobt, Moderations- und Verhandlungskompetenzen gestärkt und durch den Perspektivwechsel gegenseitiges Verständnis aufgebaut. So wird die Grundlage für eine bessere, integrierte Steuerung kommunaler Prozesse geschaffen. Mit dem gemeinsamen Ziel, die Lebensbedingungen von Kindern und Jugendlichen nachhaltig zu verbessern.

Halle: Neue und integrierte Jugendhilfeplanung

Wie integrierte Jugendhilfeplanung in der Praxis aussieht, zeigt das Beispiel der Stadt Halle (Saale): Vor sechs Jahren begann die Kommune die Jugendhilfeplanung kooperativer auszurichten – es sollte eine stärkere Vernetzung zwischen Stadt, freien Trägern und Politik entstehen.

„Verwaltung ist hochemotional – wir arbeiten mit Menschen, auch wenn das oft vergessen wird.“

Stefanie Goy

Jugendhilfeplanerin in Halle (Saale)

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Die Jugendhilfeplanung ist ein wichtiger Teil der kommunalen Arbeit, die die Situation von Kindern und Jugendlichen gestaltet. Sie wirkt meist im Hintergrund – prägt aber entscheidend, wie Jugendhilfe vor Ort gelingt. Flexibilität, gute Kenntnisse der Bedarfe vor Ort und wirkungsorientierte Planung sind wichtig. Ein guter Austausch zwischen den einzelnen Akteur:innen ist deshalb unumgänglich.

Bis heute arbeitet Kommune 360° mit der Stadt Halle (Saale) und weiteren Städten und Landkreisen zusammen. Zwischen 2020-2024, als die Weiterentwicklung der integrierten Jugendhilfeplanung in Halle im Fokus der Begleitung stand, fanden alle sechs bis acht Wochen Beratungstermine statt, außerdem regelmäßig Workshops und Austauschtreffen mit den anderen Kommunen. Besonders der interkommunale Austausch sei sehr wertvoll – gerade, weil man in der Jugendhilfeplanung oft allein arbeite, fasst Stefanie Goy zusammen.

Die Jugendhilfeplanerin der Stadt, Stefanie Goy, war damals eine der ersten, die bei Kommune 360° teilnahm. Sie berichtet uns im Interview von ihren Erfahrungen und der Wirkung unserer Arbeit.

Interview mit Stefanie Goy, Jugendhilfeplanerin in Halle

„Königin der kleinen Schritte“

DKJS: Was hat das Angebot von K360 attraktiv gemacht?

Stefanie Goy: Vor allem der Austausch. In der Jugendhilfeplanung arbeitet man oft ziemlich allein. Durch K360 hatte ich plötzlich ein Netzwerk aus anderen Kommunen, die ähnliche Fragen bewegen. Das war fachlich unglaublich wertvoll – und persönlich auch entlastend.

DKJS: Welche Rolle spielen die Perspektiven von Kindern und Jugendlichen in deiner Arbeit?

Stefanie Goy: Vieles läuft über die freien Träger, die nah an den jungen Menschen dran sind. Außerdem arbeiten wir mit Jugendstudien und inzwischen auch mit Jugenddialogen in Halle. Dabei haben wir gelernt: Jugendliche wollen beteiligt werden – aber ihre Themen liegen oft eher bei Freizeit, Kultur oder Sport und weniger in klassischen Gremienformaten. Das verändert natürlich auch unseren Blick auf Beteiligung.

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Die Impulse und Erfahrungen aus ihrer Teilnahme an Kommune 360° setzt Stefanie Goy bis heute um. Und das zahlt sich aus: Die Jugendhilfeplanerin berichtet, dass die Arbeit vor Ort heute effizienter und verbindlicher strukturiert wird – mit dem Effekt, dass die gemeinsamen Planungsrunden der Jugendhilfeakteur:innen vor Ort so erfolgreich sind, dass sie stetig wachsen.

Vertrauen und klare Strukturen schaffen Wirkung

Kommunen tragen eine zentrale Verantwortung dafür, auf lokaler Ebene eine passende Infrastruktur für gutes Aufwachsen sicherzustellen. Dabei stehen sie vor komplexen und wachsenden Herausforderungen. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, verstärken Kommunalverwaltungen das Potenzial ihrer gestaltenden Rolle bereits vielerorts: Indem sie Planungsprozesse kooperativ und über Sektoren- und Zuständigkeitsgrenzen hinweg gestaltet, Strukturen dort angepasst werden, wo es das braucht. Wo datenbasiert und wirkungsorientierte geplant und gesteuert wird. Diese Weiterentwicklung zu planen und umzusetzen, ist ein anspruchsvoller Veränderungsprozess auf mehreren Ebenen. Er braucht Zeit, Know-How, Ressourcen und Haltung. Trotz aller Hürden liegt hier eine große Chance, sich als Kommune langfristig so aufzustellen, dass auf bestehende Herausforderungen, neue Anforderungen und wechselnde Bedarfe zeitnah und passend reagiert werden kann.

Ansätze wie Kommune 360° zeigen: integrierte Planung und Steuerung erzielt Wirkung. Indem kommunale Akteure Raum und Zeit haben, um Handlungsmöglichkeiten zu reflektieren, Erfahrungswissen zu teilen und mit konkreten Ideen, Kompetenz und Handlungsmut ihre Veränderungsprozesse vor Ort weiterzuentwickeln.

Was das Beispiel Halle deutlich macht, erleben wir in der Begleitung von Kommunen bundesweit: Wo Vertrauen entsteht, und klare Strukturen geschaffen werden, verändert sich die Art, wie vor Ort geplant und zusammengearbeitet wird – dauerhaft. Aber diese Arbeit wirkt nur dort verlässlich, wo die Rahmenbedingungen sie ermöglichen.

Was es jetzt braucht

Politische Entscheidungen über das Aufwachsen junger Menschen konkretisieren sich in den Kommunen. Damit dort wirksam gehandelt werden kann, braucht es verlässliche und förderliche Rahmenbedingungen: gesetzliche und förderpolitische Vorgaben, die integrierte Planung und ressortübergreifende Zusammenarbeit ermöglichen, statt bestehende sektorale Logiken zu verfestigen. Zugleich gilt es, datengestützte Planung zu stärken, damit Kommunen systematisch erfassen können, wen ihre Angebote erreichen – und wo Lücken bestehen. Neue Anforderungen müssen konsequent mit den Ressourcen hinterlegt werden, die ihre Umsetzung vor Ort tatsächlich erfordert.

Programme wie Kommune 360°, REAB Nord und die Fachstelle FaBERID leisten hierzu einen wichtigen Beitrag. Sie unterstützen Kommunen dabei, integriertes und kooperatives Handeln zwischen Jugendhilfe, Schulverwaltung, Stadtentwicklung und weiteren Akteur:innen zu entwickeln und zu verankern. So kann die Bereitstellung einer kindorientierten Infrastruktur als gemeinsame kommunale Aufgabe bearbeitet werden, die sich konsequent an den Lebensrealitäten junger Menschen orientiert.

Neue Aufgaben setzen leistungsfähige Planungs-, Kooperations- und Steuerungsstrukturen voraus. Ohne gezielte Investitionen in deren Aufbau und Weiterentwicklung droht die Reform, Kommunen zu überfordern, statt zu stärken. Denn gutes Aufwachsen entscheidet sich vor Ort – und die Strukturen, die es ermöglichen, entstehen nicht von allein.

Bund und Länder sind nun in der Verantwortung, die Reform mit klaren und belastbaren Rahmenbedingungen zu unterlegen. Dazu gehören insbesondere eine auskömmliche und dauerhafte Finanzierung und die Förderung integrierter kommunaler Gesamtstrategien. Ohne diese politischen Weichenstellungen bleibt die Umsetzung vor Ort Stückwerk – mit direkten Folgen für junge Menschen.

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Katja Geerdes

Kommunales Bildungsmanagement | Stadt

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