Wirkjournal 2026 | Wirkgeschichte
Entdecken, was in Kindern steckt
„Ich habe mich in der Schule oft komplett übersehen gefühlt“, sagt Masuma. Die Abiturientin ist mit mehreren Sprachen aufgewachsen – Deutsch und Aserbaidschanisch gehören dazu. Doch in der Schule spielten diese Sprachen lange keine Rolle. „Ein Teil von mir und meiner Kultur wurde nicht gesehen“, beschreibt sie rückblickend. Sie wünscht sich, dass es anders wird. Dafür wurde die Schülerin aktiv.
Erst beim bundesweiten Redewettbewerb Mehr Sprachen – mehr WIR hatte sie das Gefühl, mit ihrer ganzen Persönlichkeit wahrgenommen zu werden. In ihrer Rede spricht sie über gesellschaftliche Ungerechtigkeit, über Zugehörigkeit und darüber, warum junge Menschen gehört werden müssen. Deutsch und Aserbaidschanisch wechseln sich dabei wie selbstverständlich ab. „Ich war endlich mal mit meiner Sprache verbunden, und der Wettbewerb hat sie mir nähergebracht“, so Masuma.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Masuma gehört zu den Sieger:innen des bundesweiten mehrsprachigen Redewettbewerbs für Schüler:innen Mehr Sprachen – mehr WIR, den die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung gemeinsam mit der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration ins Leben gerufen hat. Für viele Jugendliche ist der Wettbewerb weit mehr als ein Sprachprojekt. Er ist eine Bühne für Erfahrungen, Perspektiven und Stimmen, die im Schulalltag oft wenig Raum bekommen. „Ich habe diesen Drang gehabt, bei dem Wettbewerb teilzunehmen, weil ich endlich mal lossprechen wollte“, sagt Masuma. „Ich sehe immer wieder Ungerechtigkeiten und dafür nutze ich meine Stimme, damit das endlich angesprochen wird.“ Masumas Rede kann man sich – wie alle Gewinnerbeiträge – auf der Webseite des Wettbewerbs anschauen.
„Ich durfte meine Sprache nutzen, um Leistung zu zeigen. Ich war endlich mal mit meiner Sprache verbunden. Mehr Sprachen – mehr WIR hat mich meiner Sprache nähergebracht.“
Masuma
Gewinnerin beim Redewettbewerb Mehr Sprachen – mehr WIR

Mehrsprachigkeit ist Alltag – aber selten sichtbar
441 Schüler:innen aus ganz Deutschland haben sich an den ersten beiden Wettbewerbsrunden beteiligt. Sie hielten Reden auf Deutsch und in 50 weiteren Sprachen und Varietäten. Es sind politische, poetische, persönliche und oft sehr berührende Reden, die per Video eingereicht wurden. Beteiligt haben sich Schüler:innen ab der 7. Klasse aus verschiedenen Schulformen. Manche kamen erst vor wenigen Jahren nach Deutschland, andere wachsen hier mehrsprachig auf. Einige wollten zeigen, wie gut sie eine Fremdsprache beherrschen. Viele wollten vor allem eines: gehört werden.
Mehrsprachigkeit ist längst Alltag an deutschen Schulen. Laut Mikrozensus spricht etwa jedes vierte Kind Zuhause neben Deutsch noch eine weitere Sprache.¹ Im Unterricht bleibt diese sprachliche Vielfalt jedoch häufig unsichtbar. Schulen orientieren sich meist weiterhin an einem einsprachigen Verständnis von Bildung. Andere Sprachen gelten oft als störend oder werden mit Defiziten verbunden. Für viele Kinder und Jugendliche hat das Folgen. Sie erleben, dass ein wichtiger Teil ihrer Identität in der Schule keinen Platz hat.
Die Schülerin Şeyma beschreibt das in ihrer Wettbewerbsrede so: „Size bir sir anlatmak istiyorum. Ein Geheimnis. Ich wollte anfangs an diesem Wettbewerb nicht teilnehmen, denn genau hier geht es darum, deine Sprachen zu mischen.“
Wenn Sprache zur Stärke werden darf
Das Beharren auf Einsprachigkeit im schulischen Kontext bedeutet verschenktes Potenzial: Denn die Forschung zeigt seit Jahren, dass Mehrsprachigkeit Lernen unterstützen kann. Wer vorhandene Sprachkenntnisse einbeziehen darf, kann Inhalte häufig besser verstehen und neues Wissen leichter verarbeiten.
„Wir wissen aus der Forschung, dass Kinder neue Wörter und Fachbegriffe besser verstehen und länger behalten, wenn sie diese mit ihrer Erstsprache verknüpfen können.“
Saskia Braun
Doktorandin am Zentrum für Mehrsprachigkeit am Fachbereich Linguistik an der Uni Konstanz
Werden Sprachen negativ bewertet, was häufig für Sprachen gesellschaftlicher Minderheiten gilt, hat das oft Folgen für die Selbstwahrnehmung und Persönlichkeitsentwicklung von Kindern, die mit einer solchen Sprache aufwachsen. Wenn sie ihre Sprache dagegen anwenden können und darin bestärkt werden, steigert das die Motivation. Sie beteiligen sich z. B. stärker am Unterricht.² Prof. Dr. Judith Purkathofer von der Universität Duisburg-Essen betont: „Das Sprechen einer bekannten Sprache zu verbieten, ist aus Sicht der Lernforschung nachteilig.“
Wenn die „fremde“ Sprache nicht als Problem, sondern als Ressource wahrgenommen wird, stärkt das das Selbstvertrauen, die Motivation und die Beteiligung. Genau hier setzt Mehr Sprachen – mehr WIR an.
Sichtbar machen, was sonst verborgen bleibt
Die Anmeldung zum Wettbewerb läuft über Lehrkräfte. Dadurch entstehen oft Gespräche, die im Schulalltag sonst keinen Raum bekommen: über Herkunft, Familiengeschichten, Erfahrungen und Sprachen.
„Durch den Wettbewerb durfte ich ganz viele neue Facetten von meinen Schüler:innen kennenlernen. Das hat sich nicht nur auf die Sprachen bezogen, die sie sprechen, die mir gar nicht bekannt waren. Sondern auch auf ihre Familien, Traditionen, Kulturen und alles, was sie mit ihrer Sprache sonst noch verbinden.“
Jasmin Stöcker
Lehrkraft am Jean-Paul-Gymnasium in Hof
Für viele Lehrkräfte wird dadurch sichtbar, welche Potenziale in ihren Klassen längst vorhanden sind. Mehr Sprachen – mehr WIR bleibt dabei nicht stehen. Die DKJS begleitet den Wettbewerb mit Fortbildungsangeboten und Materialien für Lehrkräfte – etwa zu sprachsensiblem Unterricht oder pädagogischem Translanguaging. Ziel ist es, Mehrsprachigkeit nicht als Ausnahme zu behandeln, sondern als selbstverständlichen Teil schulischer Realität. Um sprachsensiblen Unterricht durchzuführen, sind methodische Kompetenzen entscheidend. Ein solcher Unterricht zielt darauf ab, dass alle Kinder erfolgreich mit der Bildungssprache Deutsch arbeiten können. Viele Lehrkräfte fühlen sich durch ihre Ausbildung nicht gut darauf vorbereitet, mehrsprachigkeitsdidaktische Elemente einzubeziehen.
„Mir wurde schnell klar: Dies war kein Wettbewerb im klassischen Sinn. Es ging nicht nur ums Gewinnen – es ging darum, mit Worten zu berühren, etwas zu sagen zu haben und gehört zu werden.“
Karin
Finalistin im ersten Wettbewerb

© DKJS/Marcel Frank
Junge Stimmen verändern Räume
Die Wirkung des Wettbewerbs zeigt sich auf vielen Ebenen. Jugendliche berichten, dass sie mutiger geworden sind und ihre Meinung selbstbewusster vertreten. Lehrkräfte erzählen von neuen Dynamiken in Klassen und Schulen. Familien erleben Stolz und Anerkennung. Eine Lehrerin beschreibt die Veränderung so: „Die Auszeichnung hat die Stellung meiner Schülerin in der Schule verändert. Kollegen wollten ihre Rede sehen, die Schulleitung hat sie sichtbar gemacht.“
Auch außerhalb der Schule wächst die Aufmerksamkeit. Das Programm fördert Gelegenheiten, bei denen die Teilnehmenden ihre Reden und ihren Sprachschatz präsentieren können und Mehrsprachigkeit als Selbstverständlichkeit thematisiert wird: Kím konnte seine Rede vor der ganzen Schulgemeinschaft der KKG Lünen und beim Hoffest der DKJS halten. Sarvinoz sprach an der Humboldt Universität vor angehenden Lehrkräften. Mohadesa wurde in ihrer Heimatgemeinde vom Bürgermeister eingeladen, Teil der Integrations-Kommission zu sein. Teilnehmer:innen waren mit ihren Reden bei Veranstaltungen in Berlin, Essen, Bottrop und auf der Leipziger Buchmesse zu hören.
Mit dem Wettbewerb verändert sich nicht nur etwas für einzelne Jugendliche, sondern oft auch etwas in ihren Schulen. Am Friedrich-Wöhler-Gymnasium in Singen etwa sprach sich Kusars Auszeichnung schnell herum. Die Schulleitung informierte das Kollegium, andere Lehrkräfte kamen auf Lehrerin Katrin Brandi-Dohrn zu und wollten mehr über die Rede der Schülerin erfahren. „Die Auszeichnung hat noch mal etwas verändert – auch mit Blick auf die Einbindung ins Schulleben“, erzählt die Lehrerin. „Ich habe meine Schülerin gefragt, ob ich ihre Rede weiter im Kollegium zeigen darf – und sie hat sofort gesagt: sehr gerne.“
Mehrsprachigkeit als gesellschaftliche Ressource
Während die Jugendlichen persönlich vom Wettbewerb profitieren, tragen sie gleichzeitig – als die beeindruckenden Persönlichkeiten, die sie sind – dazu bei, ein weiteres wichtiges Ziel des Wettbewerbs zu erreichen: Mehrsprachigkeit junger Menschen als Schatz und Bereicherung für die deutsche Gesellschaft wahrzunehmen und zu fördern.
„Junge Menschen haben so viel zu sagen – und sie haben ein Recht darauf, gehört zu werden.“
Natalie Pawlik
Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration und Beauftragte der Bundesregierung für Antirassismus

© Bundesregierung/Kugler
„Mehrsprachigkeit ist für viele von ihnen Normalität und zeigt umso deutlicher die gelebte Vielfalt in unserer Gesellschaft“, betonte Staatsministerin Natalie Pawlik, die den Wettbewerb fördert. „Mit dem Wettbewerb machen sie Themen sichtbar, die sie tagtäglich beschäftigen, und zwar in den Sprachen, die sie sprechen. Mehrsprachigkeit ist ein enormer Schatz, eine wertvolle Ressource und eine große Chance: für die Schülerinnen und Schüler, für unsere vielfältige Gesellschaft und die Zukunft unseres Landes.“
Bildungschancen verbessern – auch beim Deutschen Kita-Preis
Die DKJS verfolgt in ihrem Handlungsfeld „Bildungsorte begleiten“ noch weitere Programme und Initiativen, die Bildungsgerechtigkeit stärken und Kindern bessere Teilhabechancen eröffnen sollen.
Dazu gehören beispielsweise Ferienschulen für geflüchtete Schüler:innen in Berlin. Hier verbinden sich Sprachförderung, Freizeitangebote und Erfahrungen von Selbstwirksamkeit. Kinder und Jugendliche lernen Deutsch nicht isoliert, sondern im gemeinsamen Tun, im Alltag und in sozialen Beziehungen.
Auch der Deutsche Kita-Preis verfolgt das Ziel, Bildungschancen zu verbessern. Dieser bundesweite Wettbewerb zeichnet Kitas und lokale Bündnisse aus, die gute frühe Bildung unter oft schwierigen Bedingungen innovativ umsetzen. Im Mittelpunkt stehen aktuelle Herausforderungen wie Fachkräftemangel, demographischer Wandel oder Gestaltung von Teilhabechancen. Der Preis befördert bundesweit die Qualitätsentwicklung in der Frühen Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE).
Viele Einrichtungen leisten trotz hoher Belastung herausragende Arbeit – oft gesellschaftlich weitgehend unbeachtet. Der Deutsche Kita-Preis schafft seit neun Jahren Aufmerksamkeit und Anerkennung für gute Praxis und macht sichtbar, wie Qualität in der frühen Bildung konkret aussehen kann. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf Kooperationen im Sozialraum. Gute Bildung gelingt dort am besten, wo Familien, Fachkräfte, Träger und Kommunen gemeinsam Verantwortung übernehmen. Deshalb gibt es beim Deutschen Kita-Preis eine eigene Kategorie für lokale Bündnisse, die genau diese Zusammenarbeit in den Mittelpunkt stellt.
Seit Beginn des Wettbewerbs gab es bundesweit fast 9.500 Bewerbungen. Rund 3.800 mal wurden Kitas empfohlen – häufig von Eltern, aber auch von Kommunen oder politischen Akteuren. Der Wettbewerb stärkt damit nicht nur einzelne Einrichtungen, sondern rückt die Bedeutung früher Bildung insgesamt stärker in den öffentlichen Fokus.
Oft fehlen in Debatten konkrete Bilder davon, wie gute Kita-Praxis aussieht. Der Deutsche Kita-Preis möchte diese Lücke schließen, macht intensiv – auch regionale – Pressearbeit. Fast 18.500 Pressebeiträge haben sich inzwischen mit dem Wettbewerb beschäftigt. Hinzu kommen Publikationen, Veranstaltungen und mehr als 200 Kurzfilme für die Onlineverbreitung, die nominierte und ausgezeichnete Einrichtungen porträtieren und zeigen, wie vielfältig gute frühe Bildung sein kann.
Das braucht es jetzt!
In Deutschland hängt Bildungserfolg weiterhin stark von der sozialen Herkunft ab. Viele Ungleichheiten entstehen bereits in den ersten Lebensjahren und setzen sich später fort. Umso wichtiger ist es, Kinder und Familien frühzeitig zu stärken und gezielt in gute Bildungsangebote in herausfordernden Lagen zu investieren.
Sprachförderung spielt dabei schon im Kitaalter eine zentrale Rolle. Gleichzeitig zeigen Programme wie Mehr Sprachen – mehr WIR, dass ein Umdenken beginnt. Die hohen Teilnahmezahlen und die große Resonanz machen deutlich, dass viele Menschen Mehrsprachigkeit zunehmend als Ressource wahrnehmen.
Dennoch prägen häufig noch Defizitperspektiven die öffentlichen Debatten. Sprachkompetenz wird vor allem als Voraussetzung für Integration diskutiert. Dabei gerät aus dem Blick, dass Mehrsprachigkeit weltweit der Normalfall ist – und dass Deutschland mit seiner starken Orientierung an Einsprachigkeit eher die Ausnahme darstellt.
Die Erfahrungen aus den Programmen der DKJS zeigen: Kinder lernen erfolgreicher, wenn ihre Ressourcen anerkannt werden. Deshalb braucht es Bildungsorte, die Vielfalt nicht nur akzeptieren, sondern aktiv einbeziehen. Dazu gehört auch, sprachsensiblen Unterricht verbindlich in der Lehrkräftebildung zu verankern – in allen Schulformen und Fächern. Denn sprachliche Vielfalt ist längst Realität in jeder Klasse.
Deshalb setzen wir uns nicht nur für eine Fortführung des Wettbewerbs ein, sondern möchten auch dafür werben, dass sprachsensibler Unterricht standardmäßig Teil der Lehrkräfteausbildung wird. Es wird gebraucht – in jeder Klasse und in jedem Fach.

Ursula Csejtei
DKJS Geschäftsstelle
Tempelhofer Ufer 11
10963 Berlin
+49 (0)30 25 76 76 53 7
ursula.csejtei@dkjs.de

Eva Wingerter-Knoke
Kita & Frühe Bildung
DKJS Berlin mit Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern
Tempelhofer Ufer 11
10963 Berlin
+49 (0)30 25 76 76 337
eva.wingerter-knoke@dkjs.de










